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Gründer-Fragebogen: Finanzamt fragt Freelancer

Woher weiß das Finanzamt eigentlich, welche Steuern Gründer zahlen müssen? Hauptgrundlage der Besteuerung ist in den beiden ersten Geschäftsjahren der amtliche „Fragebogen zur steuerlichen Erfassung". Gewerbetreibende bekommen ihn automatisch vom Finanzamt zugeschickt, nachdem sie ihren Gewerbeschein abgeholt haben. Angehörige freier IT-Berufe melden die Aufnahme ihrer selbstständigen Tätigkeit direkt beim Finanzamt – und werden von dort aus aufgefordert, den Gründer-Fragebogen auszufüllen.

Sie wollen sich selbst einen Eindruck verschaffen? Die aktuelle Version des Fragenkatalogs finden Sie im bundesweiten Formular-Management-System. Mit acht Seiten ist der Finanzamts-Fragebogen zum Start in die Selbstständigkeit recht umfangreich. Hinzu kommt eine sechseitige Anleitung, die Sie per Mausklick auf den Link „Ausfüllhilfe" aufrufen:       

Am besten füllen Sie den Fragebogen zusammen mit Ihrem Steuerberater aus. Der wird sie auf eventuelle Fallstricke hinweisen. Andererseits: Um eine Geheimwissenschaft handelt es sich bei der amtlichen Befragung auch nicht: Viele Angaben sind ohnehin selbsterklärend oder treffen auf IT-Freelancer offensichtlich nicht zu.

Übersicht: Was will der Fiskus wissen?

Im Wesentlichen besteht der Fragebogen zur steuerlichen Erfassung aus den folgenden Abschnitten:

  • Seite 1 bis 3: Allgemeine Angaben zur Person des Steuerpflichtigen, zu Familienstand, Kontaktdaten, Bankverbindung und Art der Tätigkeit,
  • Seite 3 bis 5: Angaben zu den Details der Tätigkeit,
  • Seite 5: Angaben zu Steuer-Vorauszahlungen, Gewinnermittlung und Lohnsteuer (für Mitarbeiter),
  • Seite 6 bis 7: Angaben zur Umsatzsteuer und
  • Seite 7: Angaben zur Beteiligung an Personengesellschaften


Häufige Unklarheiten und Fehlerquellen

Bei IT-Selbstständigen resultieren die häufigsten Unklarheiten und Fehlerquellen erfahrungsgemäß aus den folgenden Fragen:

Seite

Abschnitt

Zeile

 

1

1.4

25/26

Art der Tätigkeit (genaue Bezeichnung des Gewerbezweiges)

Der Begriff „Gewerbezweig“ ist an dieser Stelle missverständlich: Die Frage richtet sich auch an IT-Freelancer, die nicht gewerblich tätig sind. Wenn Sie Wert darauf legen, vom Finanzamt als Freiberufler gemäß § 18 EStG behandelt zu werden, sollten Sie hier eine Bezeichnung für Ihre Tätigkeit eintragen, die nach Auffassung von Finanzgerichten als freiberuflich anerkannt wurde (z. B. „IT-Beratung im Bereich Systemsoftwareentwicklung“).

Andererseits: Entscheidend ist immer die tatsächliche Praxis. Viele Finanzämter verneinen die Freiberuflichkeit von IT-Freelancern. Im Zweifel besprechen Sie die Details Ihres Einzelfalls mit Ihrem Berufsverband oder einem Steuerberater.

Tipp: Die wichtigsten Informationen zur Unterscheidung zwischen Gewerbetreibenden und Freiberuflern bietet unser Grundlagenbeitrag „Wann ist ein Freiberufler selbständig?

 

2

1.5

40

SEPA-Lastschriftverfahren: Ja oder nein?

Wenn Sie Zeitpunkt und Höhe Ihrer Steuerzahlungen selbst bestimmen wollen, setzen Sie an dieser Stelle kein Häkchen. Andererseits: Die Gefahr, dass sich der Fiskus ungefragt von Ihrem Konto bedient, ist gering. Wie bei jedem anderen Basislastschrift-Mandat können Sie unerwünschten Kontobelastungen bis zu acht Wochen lang widersprechen. Außerdem besteht in den Zeilen 27 bis 39 die Möglichkeit, unterschiedliche Bankverbindungen für betriebliche und private Steuerzahlungen und -erstattungen festzulegen.

3

2.1

68ff

Anschrift des Unternehmens

Falls Sie keine eigenen Geschäftsräume besitzen, geben Sie hier Ihre Privatanschrift und die dazugehörigen Kommunikationsverbindungen an.

4

2.4

92

Kammerzugehörigkeit (Handwerks- / Industrie- und Handelskammer)

Grundsätzlich gilt:

·         Freiberufliche IT-Selbstständige: „Nein“.

·         Gewerbliche IT-Selbstständige: „Ja“ (IHK)

Falls Sie unsicher sind, wählen Sie hier am besten „Nein“. Im Zweifel wird der gewerbliche Charakter Ihrer Tätigkeit ohnehin vom Finanzamt geprüft.

5

3.1

  112

120

Angaben zur Festsetzung der Vorauszahlungen (Einkommensteuer, Gewerbesteuer)

Hier tragen Sie sämtliche voraussichtlichen Einkünfte (Gewinne, Gehälter, Erträge) für das Jahr der Betriebseröffnung und für das Folgejahr ein. Und zwar nicht nur die Einkünfte aus der neu angemeldeten IT-Selbstständigkeit, sondern auch alle anderen Einkunftsarten (z. B. aus einer Angestelltentätigkeit, Kapitalerträgen oder Vermietungen). Falls Sie verheiratet oder verpartnert sind, tragen Sie zudem die Einkünfte Ihres Ehegatten oder Partners ein. Im Gegenzug haben Sie die Möglichkeit, Sonderausgaben (Vorsorgebeiträge) und Steuerabzugsbeträge (z. B. Handwerkerkosten) geltend zu machen. Diese vorweggenommenen Steuerermäßigungen entsprechen den Steuerfreibeträgen (= Lohnsteuer-Ermäßigungen) von Angestellten.

 

All diese Angaben zusammengenommen bilden die Grundlage für eventuelle Einkommen- und ggf. Gewerbesteuer-Vorauszahlungen im ersten und zweiten Geschäftsjahr. Erst nach der Steuererklärung für das Gründungsjahr (in der Regel Mitte bis Ende des zweiten Geschäftsjahres) werden die Vorauszahlungen an die tatsächlichen Verhältnisse angepasst sowie eventuelle Rück- oder Nachzahlungen fällig.

 

Wichtig: Sofern es sich nicht um mehr oder weniger feststehende Einkünfte handelt (z. B. auf Basis eines Arbeitsvertrages), spricht nichts dagegen, die voraussichtlichen Einkünfte vorsichtig zu schätzen. Auf diese Weise senken Sie die zu erwartenden Steuervorauszahlungen. Fallen die tatsächlichen Einkünfte hinterher deutlich höher aus, müssen Sie jedoch auf Nachzahlungen vorbereitet sein! Außerdem sollten Sie darauf achten, dass die Gewinnschätzung zur Umsatzschätzung passt (vgl. S. 6, Zeile 134).

5

4

121

Angaben zur Gewinnermittlung

Die richtige Gewinnermittlungsart ist bei IT-Selbstständigen in den allermeisten Fällen die „Einnahmenüberschussrechnung“ (EÜR).

6

7.1

134

Angaben zur Anmeldung und Abführung der Umsatzsteuer
Im Feld „Summe der Umsätze“ tragen Sie alle voraussichtlichen Jahresumsätze für das Jahr der Betriebseröffnung und für das Folgejahr ein. Als „Umsatz“ gelten hier sämtliche umsatzsteuerpflichtigen Netto-Erlöse von inländischen Kunden. Falls Sie nicht im Januar starten, brauchen Sie den geschätzten Umsatz nicht aufs Jahr umzurechnen: Falls erforderlich übernimmt das Finanzamt diese Hochrechnung.

 

Anders als bei der Einkommen- und Gewerbesteuer dienen die Umsatzangaben lediglich der Feststellung, ob die „Kleinunternehmerregelung“ (Jahresumsatz unter 17.500 Euro, s.u.) oder die Regelbesteuerung infrage kommt.

 

Falls Sie umsatzsteuerpflichtig sind, müssen Sie in den beiden ersten Geschäftsjahren monatliche Umsatzsteuervoranmeldungen abgeben und Ihre Umsatzsteuer-„Zahllast“ (= eingenommene Umsatzsteuer minus selbst gezahlte Umsatzsteuer/Vorsteuer) unaufgefordert ans Finanzamt zahlen.

6

7.3

136
– 137

Kleinunternehmer-Regelung

Falls Sie voraussichtlich unter der Umsatzgrenze von 17.500 Euro bleiben, legen Sie an dieser Stelle fest, ob Sie die Kleinunternehmer-Regelung in Anspruch nehmen wollen oder nicht. Wenn Sie freiwillig darauf verzichten, sind Sie 5 Jahre lang daran gebunden.

 

Wichtig: Finanzielle Vorteile bringt die Kleinunternehmer-Regelung nur bei Geschäften mit Endverbrauchern. Da die meisten IT-Freelancer ausschließlich oder überwiegend mit Geschäftskunden zusammenarbeiten, rechnet sich für sie die Sonderregelung üblicherweise nicht – im Gegenteil: Umsatzsteuerfreie Rechnungen mit Verweis auf den Kleinunternehmer-Status erwecken im B2B-Geschäft unter Umständen den Eindruck mangelnder Professionalität („Feierabendunternehmer“). Falls Sie unsicher sind, ob Sie die Kleinunternehmer-Regelung in Anspruch nehmen sollen, sprechen Sie mit einem Steuerberater.

6

7.5

148

Steuerbefreiung

IT-Selbstständige erzielen in aller Regel keine „ganz oder teilweise umsatzsteuerfreien Umsätze gem. § 4 UStG“.

6

7.6

149

Steuersatz

Die Umsätze von IT-Selbstständigen unterliegen normalerweise dem Regelsteuersatz von derzeit 19 %. Nur in seltenen Ausnahmefällen kommt der ermäßigte Steuersatz gemäß § 12 Abs. 2 UStG in Höhe von 7% infrage (etwa, wenn Sie Fachartikel für Zeitschriften). In den meisten Fällen ist an dieser Stelle „Nein“ die richtige Option. Falls Sie später wider Erwarten doch einmal Umsätze zum ermäßigten Steuersatz machen, ist das kein Beinbruch: Es genügt, das in der Umsatzsteuervoranmeldung anzugeben.

7

 

  151 – 155  

 

Soll- / Istversteuerung der Entgelte

Wer sich ei der Umsatzsteuer ohne Not für die „Sollversteuerung“ entscheidet, hat schlechte Karten: In dem Fall entsteht der umsatzsteuerpflichtige Umsatz sofort nach Erbringen der Leistung – spätestens bei Rechnungsstellung. Die Folge: Sie müssen die „vereinbarte“ (!) Umsatzsteuer selbst dann bei der nächsten Umsatzsteuervoranmeldung angeben, wenn der Kunde noch gar nicht bezahlt hat! Dadurch können gefährliche Liquiditätslücken entstehen.

 

Die Istversteuerung ist wesentlich günstiger: Als Umsatz gelten hier nur die tatsächlich „vereinnahmten“ Umsatzsteuerzahlungen.

 

·         Gewerbliche IT-Selbstständige dürfen die Istversteuerung bis zu einem Gesamtumsatz von 500.000 Euro in Anspruch nehmen: Gewerbetreibende setzen ihre Häkchen in den Zeilen 152 und 153.

·         IT-Freiberufler dürfen die Istversteuerung auf jeden Fall in Anspruch nehmen –  ganz gleich wie hoch ihr Umsatz ist: Freiberufler wählen Zeile 152 und 155.

7

7.8

156f

Umsatzsteuer-Identifikationsnummer

Eine Umsatzsteuer-Identifikationsnummer (USt-IdNr.) brauchen Sie nur dann, wenn Sie grenzüberschreitende Geschäfte mit anderen Selbstständigen und Unternehmern innerhalb der EU machen. Mit der USt-IdNr. weisen Sie und Ihre Kunden sich gegenseitig Ihre Unternehmereigenschaft nach. Sie können die USt-IdNr. aber auch als Ersatz für Ihre persönliche Steuernummer verwenden (z. B. auf Rechnungen). Wer sich seine USt-IdNr. mitteilen lässt, muss sie im Impressum der eigenen Website angeben.

7

7.11

162

Besonderes Besteuerungsverfahren „Mini-one-stop-shop“

Die „MOSS“-Besteuerung ist für Sie nur dann ein Thema, wenn Sie Telekommunikations-, Rundfunk- und Fernsehdienstleistungen oder sonstige elektronische Dienstleistungen (z. B. per Apps oder E-Books als Downloads oder Streams) für Privatkunden in anderen EU-Ländern erbringen. Weitere Informationen zum aufwendigen MOSS-Verfahren finden Sie auf der Website des Bundeszentralamts für Steuern.

 

Generell gilt: IT-Selbstständige, die Auslandsumsätze aller Art erzielen, sollten die Details unbedingt mit einem Steuerberater besprechen.

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Gründungs-Vorlaufkosten: Belege sammeln lohnt sich...

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Dienstag, 22. August 2017

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